Tagebuch

Balkontagebuch Woche 11 und der Herbsteinzug

Die erste Nacht unter zehn Grad ist angekündigt, und auf dem Balkon stehen noch zwölf Töpfe. Eine Woche zwischen Umsiedeln, Auswahl und einem letzten warmen Nachmittag.

Es ist der 28. September, kurz nach sieben am Abend, und ich stehe mit dem Thermometer in der Hand auf dem Balkon. Acht Grad kündigt die Wetterapp für die Nacht an, die erste Zahl unter zehn seit Mai. In meinem Balkontagebuch steht für Woche 11 deshalb nur ein Wort: Herbsteinzug. Vor mir stehen noch zwölf Töpfe, dicht an dicht, und keiner davon geht von selbst hinein.

Was der Herbsteinzug in Woche 11 wirklich bedeutet

Ich habe lange geglaubt, der Herbsteinzug sei ein einziger Nachmittag mit Kisten und Muskelkater. Nach elf Wochen Balkontagebuch weiß ich es besser. Es ist ein schleichender Vorgang, der schon Mitte August beginnt, wenn die unteren Tomaten gelb werden und ich es nicht wahrhaben will.

In dieser Woche geht es nicht mehr um Wachstum, sondern um Auswahl. Zwölf Töpfe, zwei Arme, ein Fensterbrett von einem Meter zwanzig. Wer zählt, beginnt zu sortieren, ganz ohne Wehmut, zumindest für die erste halbe Stunde.

Die letzten grünen Tomaten von Solanum lycopersicum habe ich abgenommen und auf die Fensterbank gelegt, zwischen zwei Äpfel. Nicht alle werden rot, aber die meisten. Was nicht reift, kommt in ein Glas mit Salz und Kräutern, und auch das ist eine Art Ernte.

Welche Töpfe zuerst hineinwandern

Die Reihenfolge folgt keiner Sentimentalität, sondern der Physik. Was aus tropischen Wurzeln kommt, verträgt kühle Nächte am wenigsten. Mein Basilikum steht noch draußen, ein wenig blass, und es ist die erste Pflanze, die ich heute umstelle. Bei unter zehn Grad verliert Ocimum basilicum innerhalb einer Nacht fast alle Blätter.

Danach kommen die Fuchsien an die Reihe. Fuchsia hat in diesem Sommer so üppig geblüht, dass ich beinahe vergessen habe, wie empfindlich ihre Wurzeln sind. Ich stelle sie in den kühlen Flur, nicht ins warme Wohnzimmer, denn Wärme kostet sie im Winter mehr Kraft als Kälte.

Bevor eine Pflanze durch die Balkontür darf, drehe ich jeden Topf einmal um und schaue unter die Blätter. Blattläuse und Weiße Fliegen reisen sonst mit und sitzen dann den ganzen Winter zwischen meinen anderen Pflanzen. Ein feuchter Lappen und ein scharfer Wasserstrahl reichen meistens aus.

Für alles, was überwintert, gilt eine Faustregel, die mir ein Gärtner am Marktstand beiläufig mitgegeben hat: weniger Wasser, aber nie keines. Töpfe in der Wohnung trocknen langsamer aus, und Staunässe ist im Winter der schnellste Weg zum Verlust.

Warum ich die Kräuter am längsten draußen lasse

Rosmarin, Thymian und Salbei bleiben. Rosmarinus officinalis und Salvia officinalis halten leichten Frost aus, wenn der Topf nicht durchfriert und die Erde nicht ständig nass ist. Ich stelle sie dicht an die Hauswand, auf einen Untersetzer, damit sie von unten keine Kälte ziehen.

Der Lorbeer ist ein Sonderfall. Laurus nobilis sieht hart aus, ist es aber nicht. Er kommt bei mir als erster der Halbimmergrünen hinein, noch vor den Fuchsien, weil eine einzige kalte Nacht ihm alle Blätter braun färbt. So eine braune Krone habe ich einmal bis in den Juni hinein mit angesehen.

Der letzte warme Nachmittag

Zwischen dem Sortieren gab es gestern noch einen Nachmittag, der nach September roch: warmes Licht, kurze Schatten, eine Wespe, die sich hartnäckig an den letzten Tomaten festhielt. Ich habe mich mit der Gießkanne daneben gesetzt und nichts getan. Solche Nachmittage sind der Grund, warum ich das alles überhaupt mache.

Am Ende bleibt die Erde. Ich siebe sie grob durch, lese die alten Wurzelballen aus und mische Kompost darunter. Ein Balkon im Herbst ist kein Ende, sondern ein Aufräumen, bei dem ich schon weiß, was im März wieder in dieselben Töpfe kommt.

Heute Abend stehen nur noch fünf Töpfe draußen. Es ist halb neun, das Thermometer zeigt neun Grad, und ich ziehe die Balkontür hinter mir zu. Im Flur riecht es nach feuchter Erde und ein wenig nach Basilikum, und das ist für diese Woche genug.

Veröffentlicht am 28. September 2026

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